Thread: Helpme
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Old 05-01-2006, 08:05 PM   #1 (permalink)
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karriere
Mütter müssen draußen bleiben
Gleichberechtigt sind Frauen in der deutschen Wirtschaft nur bis zum ersten Kind. Helfen könnte nur zweierlei: Ganztagsbetreuung oder ein plötzlicher Mangel an Arbeitskräften Von Fabienne Melzer
Von Fabienne Melzer
Die 32-jährige Grafikdesignerin Lydia Färber* traute ihren Augen nicht, als sie ihre zurückgesandten Bewerbungsunterlagen durchblätterte. Mit dickem Rotstift hatte jemand die Namen ihrer drei Kinder im Lebenslauf unterstrichen. „Es fehlte nur noch das Ausrufungszeichen“, erzählt sie mit bebender Stimme. Bei diesem Job hatte sie sich durchaus Chancen ausgerechnet. Berufs- und Auslandserfahrung, gute Englischkenntnisse – das alles konnte sie vorweisen. Vergeblich. „Es lag an den Kindern“, ist sich Lydia Färber sicher.
Im Kampf um die knappen Stellen sind Kinder ein Hindernis. Das wissen auch Profis wie die Personalberaterin Claudia Mann*: „Wenn ich unter fünf Kandidaten eine Mutter habe, hat die Frau keine Chance. Selbst wenn sie qualifizierter ist als alle anderen.“ Nur die wenigsten Chefs sagen das offen, aber selbst das hat sie schon erlebt. „Es gab Auftraggeber, die von vornherein klarstellten, dass sie keine Bewerberin mit Kind wollen.“
Bei Männern spielt das offensichtlich keine Rolle. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein Problem der Frauen: Das glauben rund drei Viertel aller Unternehmensvertreter, die an einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) teilnahmen. „In den Köpfen vieler Manager herrscht das Mittelalter – der Mann hat das Auto und die Frau die Kinder“, empört sich Lydia Färber. Kaum ein Vater wird im Vorstellungsgespräch gefragt, wie er die Betreuung seiner Nachkommen regelt. Bei Müttern dagegen kann sich an diesem Punkt entscheiden, ob sie einen Job kriegen oder nicht.
Beispiel Simone Bahnsen*. Eigentlich war die Wertpapierspezialistin schon ganz nah dran. Alles lief gut bei den Vorstellungsgesprächen, dann kam die eine entscheidende Frage: Wie sie denn Beruf und Kind unter einen Hut kriegen wolle, fragten die potenziellen Chefs. „Bei Terminen und Dienstreisen bin ich flexibel, und ansonsten gehe ich um 16 Uhr nach Hause“, entgegnete die Mutter einer Tochter. Falsche Antwort. Die Gesprächspartner machten einen Haken in ihre Unterlagen, und der 38-Jährigen war klar: „Das war’s. Den Job kriegt ein anderer.“ Simone Bahnsen nimmt es gelassen. Auch, weil sie inzwischen eine Stelle gefunden hat.
Dagegen kann Sylvia Vorschel ihre Wut kaum bremsen, wenn sie von einem Jahr Jobsuche erzählt. Ihr bitteres Fazit: „Erst gibt es Frauenförderung ohne Ende, und wenn wir dann Kinder kriegen, können wir unsere Qualifikation in die Tonne treten.“ Dabei hatte die 36-jährige Betriebswirtin eine Rundumversorgung für ihren vierjährigen Sohn auf die Beine gestellt. Im Vorstellungsgespräch erzählte sie von Tagesmutter, Großmutter und Nachbarin, die sich um ihren Sohn kümmerten. Ihre Gegenüber blieben skeptisch. Irgendwann platzte der Alleinerziehenden dann der Kragen, und sie blaffte zurück: „Geht es hier eigentlich um meine Qualifikation oder um die Stelle einer Mutter?“ Fast alle Gespräche verliefen ähnlich. „Es geht immer nur um das Kind“, sagt Sylvia Vorschel.
Nach 30 Jahren Kampf haben Frauen in Deutschland einiges erreicht. Sie sind gut ausgebildet und beruflich erfolgreich – und sie sitzen nach dem ersten Kind mit Diplom und Auszeichnung zu Hause. In kaum einem anderen europäischen Land geben so viele Mütter ungewollt ihren Job auf. In über der Hälfte aller deutschen Familien mit Kindern unter sechs Jahren verdient der Mann allein den Lebensunterhalt. Gewünscht wird diese Arbeitsteilung aber nur von knapp sechs Prozent der Familien. Anders in Schweden: Dort steht in nur einem Viertel aller Familien mit Kindern unter sechs die Frau am Herd, während der Mann arbeiten geht, in jeder zweiten Familie sind beide Elternteile Vollzeit tätig. Das Problem: Mit einer Frauenerwerbsquote von rund 60 Prozent liegt Deutschland zwar in Europas Mittelfeld. Bei den Arbeitszeiten belegen westdeutsche Frauen aber den vorletzten Platz mit nur 30 Stunden pro Woche.
Mitunter ist der lange Erziehungsurlaub in Deutschland für Frauen der Einstieg in den Ausstieg, meint Katharina Spieß vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. „Je länger er dauert, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen in ihren Beruf zurückkehren.“ Was ursprünglich dazu gedacht war, den Wiedereinstieg in den Beruf zu erleichtern, verfestigt nach Ansicht von Anne Jenter, Abteilungsleiterin Frauenpolitik beim DGB, eher die traditionelle Rolle der Frau. Und durch das Ehegattensplitting lohnt sich das klassische Ernährermodell auch finanziell. „Wenn mehr Frauen in ihren Beruf zurückkehren sollen“, sagt Jenter, „brauchen wir vor allen Dingen mehr Ganztagsbetreuung.“
Daran mangelt es in Deutschland. Rein statistisch gibt es zwar für 90 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen einen Kindergartenplatz. Dort werden die Kinder allerdings nur zeitweise betreut: vier Stunden am Vormittag und zwei Stunden am Nachmittag. Bei Ganztagesplätzen in Kindergärten liegt der Versorgungsgrad gerade mal bei 20 Prozent. Noch schlechter sieht es für die ganz Kleinen und die etwas Größeren aus. Weniger als drei Prozent der unter Dreijährigen und knapp sechs Prozent der Schulkinder finden in öffentlichen Einrichtungen Aufnahme.
Dieses Betreuungsangebot wiederum, meint die Magdeburger Politikprofessorin Christiane Dienel, spiegele das Rollenbild: „Wenn es zu wenig Betreuungsplätze gibt, steckt darin die Botschaft: Mütter gehören nach Hause.“ Zwar geloben Politiker aller Parteien Besserung; auch die Arbeitgeberverbände glauben, dass ein besseres und flexibleres Betreuungsangebot mehr Frauen den Weg ins Berufsleben öffnet. Die aber bleiben skeptisch. „Wenn sich in den Köpfen nichts ändert, wird sich auch für die Mütter nichts ändern. Da können wir Betreuungsplätze schaffen bis zum Abwinken“, sagt etwa die Stuttgarter Unternehmerin und Mitbegründerin des Frauennetzwerkes Unica Forum, Vera Heiduk.
Die Vorstellung, dass das weibliche Geschlecht in die Küche und ins Kinderzimmer gehört, hält sich im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Ländern hartnäckig, jedenfalls in Westdeutschland. Im Osten galt Kindererziehung bis zur Wende als staatliche Aufgabe – genau wie heute noch in Frankreich. Auf der Suche nach den Ursachen geht Nori Seelbach, vom Verein zur beruflichen Förderung von Frauen in Frankfurt, ein paar Jahrzehnte in die Geschichte zurück: „Das ist das Mutterbild des Faschismus.“ Die Ideologie von der wahren Bestimmung der Frau geistert fast 60 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft noch immer in den Köpfen herum, so die These der Beraterin.
An diesem ideologischen Mutterbild prallen sachliche Argumente ab. Selbst Kostenvorteile können Arbeitgeber nicht überzeugen. „Jeder weiß, dass die Produktivität einer Halbtagskraft bei 70 Prozent einer Vollzeitkraft liegt“, sagt Seelbach, „und trotzdem sträuben sich die Unternehmen dagegen.“ In Deutschland wollten noch immer mehr Menschen Teilzeit arbeiten, als es Teilzeitarbeitsplätze gibt, so eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.
Es gibt gute Gründe, auf die familiären Interessen der Beschäftigten Rücksicht zu nehmen, weiß Stefan Becker, Geschäftsführer der Beruf und Familie GmbH in Frankfurt. Die Fördereinrichtung befragte Betriebe nach dem Erfolg ihrer familienfreundlichen Personalpolitik. Das Ergebnis: Die Qualität der Arbeit verbesserte sich, und die Motivation der Beschäftigten stieg. Die Hälfte der Befragten sprach sogar von einer positiven Beschäftigungswirkung. Dennoch bleiben Arbeitgeber skeptisch. „Sie denken nur daran, was eine solche Personalpolitik kostet, und nicht, was sie bringt“, sagt Becker.
Nur ein knappes Fünftel aller Frauen des Jahrgangs 1950 ist auch Mutter. Zwischen 60 und 80 Prozent der Frauen in Führungspositionen sind kinderlos. Denn wer nach oben will, muss ständig verfügbar sein, Leistung allein genügt nicht. Wenn etwa die Wertpapierspezialistin Simone Bahnsen nach Hause zu Mann und Tochter geht, stehen ihre männlichen Kollegen nach Feierabend zusammen und spielen Kicker. Informelle Strukturen nennt die Wissenschaft solche Kickerrunden, und die sind in den Unternehmen meist männlich. Hier finden die wichtigen Gespräche statt. „Ich gehöre nicht zu den Kickern“, sagt Simone Bahnsen, „und ich mache auch keine Karriere.“
Das machen die meisten anderen Frauen auch nicht, selbst wenn sie auf Kinder verzichten – schließlich ist jede Frau eine potenzielle Mutter. Nur fünf Prozent der Topmanager in deutschen Großunternehmen sind weiblich. Selbst im mittleren Management sitzt noch nicht einmal auf jedem zehnten Stuhl eine Frau. Der Frauenanteil unter deutschen Hochschulprofessoren liegt bei knapp zehn Prozent.
Professorin und Kinder? Das können sich viele Verantwortliche an deutschen Universitäten offenbar nur schwer vorstellen. Medizinerin Ulrike Protzer-Knolle wurde bei einer Vorstellung gleich dreimal gefragt, wie sie das denn mit den Kindern machen wolle. Kollegen und Freunde sagten ihr: „Stell dir mal vor, was aus dir werden könnte, wenn du deine Kinder beiseite lassen könntest.“ Für sie keine Alternative: „Ich will auf meine Kinder doch nicht verzichten!“ Dann lieber auf die Professur.
Unternehmen, die Frauen Kinder und Karriere ermöglichen, sind noch immer selten. Aber es gibt sie. Beim Versicherungskonzern Allianz können Führungskräfte auch in Teilzeit arbeiten. Mütter und Väter im Erziehungsurlaub werden einmal pro Monat ins Unternehmen eingeladen.
Familienfreundliche Personalpolitik war für die Bausparkasse Schwäbisch Hall schon vor Jahren ein Standortfaktor, um qualifiziertes Personal ins entlegene nördliche Baden-Württemberg zu ziehen. Das Unternehmen hat nicht nur mehrere Kindertagesstätten, hier teilen sich auch Eltern die Arbeitsplätze.
Wenn Fachkräfte fehlen, wird auch die stille weibliche Reserve mobilisiert. In ein paar Jahren, meinen Arbeitsmarktexperten, könnten Unternehmen wieder auf brachliegendes Wissen angewiesen sein. In einigen Bereichen ist der Wandel schon jetzt zu spüren, zum Beispiel in Krankenhäusern. „Früher mussten Ärztinnen schon fast nachweisen, dass sie keine Kinder kriegen“, erzählt die Weiterbildungsberaterin Nori Seelbach. „Inzwischen fehlt einigen Kliniken der Nachwuchs. Jetzt gibt es schon Teilzeitstellen für Ärztinnen im Praktikum.“ Für Mütter besteht Hoffnung. Ein wenig jedenfalls.
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